Grosse Schweizer Unternehmen schärfen die Guidance – Fokus auf die kurze Frist und strategische Orientierung
16.07.2025
Die aktuelle Best Practice Schweizer börsenkotierter Unternehmen zeigt: Wer keine Guidance publiziert, gehört im heutigen Kapitalmarktumfeld zur absoluten Ausnahme. Goldstandard ist eine Jahresprognose mit qualitativen und quantitativen Zielgrössen und einem Fokus auf Umsatz und operativem Ergebnis. Dies ergab eine von IRF – ein führendes Beratungsunternehmen für strategische Kommunikation – zum zehnten Mal durchgeführte Studie. Aktuell besteht zudem ein Trend hin zu einem Ausblick für die einzelnen Geschäftsfelder sowie zur angestrebten Dividende. Nichtfinanzielle Zielgrössen haben sich mit den gesetzlichen Vorgaben in Bezug auf ökologische Ziele etabliert. Es bestehen grosse Unterschiede in der Breite und Tiefe der Angaben.
Im Zuge der Jahresberichterstattung zum Geschäftsjahr 2024 haben 96% der im SMI Expanded enthaltenen Schweizer Gesellschaften einen Ausblick abgegeben*. Im Jahr zuvor lag der Wert bei 93%. Somit rapportieren beinahe alle Gesellschaften zukunftsgerichtete Zielgrössen, entweder in qualitativer und/oder quantitativer Form. Der Anteil der Unternehmen, die qualitative Aussagen zur Zukunft machen, beläuft sich auf 88% und bleibt damit ungefähr konstant. Ebenfalls auf diesem Niveau liegen die Unternehmen, die quantitative Aussagen zur Zukunft tätigen. Ein Mix aus beidem, also qualitative und quantitative Aussagen, machen einen Anteil von 83% der Unternehmen aus. Bemerkenswert ist auch für dieses Geschäftsjahr der erneute Anstieg jenes Anteils der Unternehmen, die dem Ausblick ein eigenes Kapitel im Geschäftsbericht widmen, oft gepaart mit Informationen zum Marktumfeld und den aktuellen Trends. Ihr Anteil macht 79% aus und steigt damit nochmals um 7 Prozentpunkte. Bereits in der letztjährigen Untersuchung stieg dieser Anteil um 5 Prozentpunkte.
In der diesjährigen Untersuchung fokussieren sich die Unternehmen auf das laufende Geschäftsjahr. 90% der Unternehmen geben eine kurzfristige Prognose für die nächsten zwölf Monate ab (Vorjahr 83%). Gleichzeitig verliert die Mittelfristprognose (2-3 Jahre) mit 63% markant. Im Vorjahr lag sie noch bei 76%. Die Langfristprognose (3-5 Jahre) bleibt anteilsmässig konstant bei 21% (Vorjahr 22%). Die Fokussierung einerseits auf kurz- und andererseits auf langfristige Zielvorgaben könnte die Folge der zunehmenden Unterlegung der Guidance mit strategischen Kennzahlen sein, wie sie in den Unternehmenspräsentationen und im Geschäftsbericht in den Kapiteln zur Guidance erläutert werden. Die Kennzahlen orientieren sich am Strategiezyklus, der bei etablierten Firmen in der Regel drei bis fünf Jahre dauert. Die Kurzfristprognosen hingegen werden immer mehr vom Markt erwartet.
Oliver Seifried, Partner von IRF, kommentiert: «Gerade in einem volatilen und unsicheren Umfeld ist das Bedürfnis des Marktes nach einer zukunftsgerichteten, möglichst quantitativen Prognose der Geschäftsentwicklung durch die börsenkotierten Unternehmen besonders ausgeprägt. Gleichzeitig erschwert diese Volatilität den Unternehmen die Formulierung verlässlicher, quantitativer Prognosen. Umso positiver ist es, dass immer mehr Unternehmen der Prognose des künftigen Geschäftsgangs ein eigenes Kapitel im Geschäftsbericht widmen und darin auch die zugrunde liegenden Annahmen und Herleitungen darlegen. Langfristige Markttrends, aktuelle Marktgeschehnisse und -kräfte, sowie Vision und Strategie bilden dazu die Basis. Dies schafft Orientierung und ermöglicht es, Schlüsselgrössen unter veränderten Rahmenbedingungen vorausschauend einzuordnen.»
Die Kenngrössen, die mit Abstand am meisten für die Guidance benutzt werden, sind erneut der Umsatz (77%) und das operative Ergebnis (77%). Gebraucht werden diese Kenngrössen in absoluten Angaben, als Veränderung oder als Margen-Ausblick. Während die Angaben zum operativen Ergebnis ungefähr konstant bleiben, geben im Vergleich zum Vorjahr weniger Firmen eine Umsatzprognose ab (-9%). Insbesondere die Anzahl Firmen mit quantitativen Angaben zur Umsatzprognose reduziert sich. «Aufgrund vieler unbekannter und volatiler Marktfaktoren stellen wir auch dieses Jahr eine Abkehr von Umsatzangaben bei der Guidance fest, besonders bei global operierenden Unternehmen. Die Unternehmen fokussieren auf Grössen, die sie direkt und relativ kurzfristig beeinflussen können. Dazu zählt die operative Kostenstruktur oder auch das Dividendenziel», so Yasemin Diethelm-Ersan, Senior Consultant bei IRF.
Die Zielgrössen Cashflow und Eigenkapitalrendite bleiben gegenüber dem Vorjahr konstant. Ihre Anteile belaufen sich auf 29% (2023: 30%) respektive 10% (2023: 9%). Prognosen zum Gewinn oder zum Gewinn pro Aktie reduzieren sich um 5 Prozentpunkte auf einen Anteil von 23%. Ein starker Anstieg erfährt die Dividende als genannte Zielgrösse. Neu publizieren 38% der Unternehmen ein Dividendenziel in der Guidance (zuvor 26%) als konstante Grösse in einem volatilen Umfeld.
Bei den weiteren Parametern der Guidance gewinnt die Nennung einzelner Geschäftsfelder an Popularität. Die künftige Entwicklung von Geschäftsbereichen oder Produktgruppen wird von der Hälfte der Unternehmen in der Guidance genannt. Letztes Jahr waren dies im Vergleich 39%. Eine Guidance nach Regionen machen nur 19% der Unternehmen gegenüber 22% im Vorjahr. Die Angaben zu Kosteneinsparungen respektive betrieblicher Effizienz steigen von 35% auf 38%. Die Marktposition findet in der Guidance lediglich bei 10% der Unternehmen Erwähnung (Vorjahr 13%). Die Angabe zur voraussichtlichen Entwicklung gegenüber dem Markt erhöht sich von 13% auf 15%.
Bei den externen Faktoren, die explizit in der Unternehmensprognose genannt werden, sind wiederum Marktentwicklung und Konjunktur mit 79% und 58% Anteil die meistgenannten Kriterien. Auffallend ist der Rückgang beim Konjunkturausblick um 7 Prozentpunkte, während Angaben zu den produktrelevanten Märkten um 5 Prozentpunkte steigen. Auch Prognosen zu den Währungen steigen leicht an (31% Anteil gegenüber 28% im Vorjahr). In Bezug auf geopolitische Faktoren zeigt sich, dass bei der Bekanntgabe der Guidance zum Jahresresultat 2024 (hauptsächlich in den Monaten Januar bis März) nur 15% der Firmen explizit die US-Zolltarife in der Guidance nennen. Zu diesem Zeitpunkt sind die US-Zölle zwar bereits als Massnahme der neuen US-Administration angekündigt, nicht jedoch die Breite und Höhe.
Yasemin Diethelm-Ersan: «Bei der diesjährigen Analyse ist zu beachten, dass die Ankündigung hoher Zölle durch die US-amerikanischen Regierung mitten in die Zeitspanne der Jahresberichterstattung fiel. Es ist zu vermuten, dass einige Unternehmen ihr Guidance-Konzept diesen Umständen angepasst und zum Beispiel auf eine Bestätigung oder Erneuerung der Mittelfristziele verzichtet haben.»
Nach der gesetzlichen Einführung des nichtfinanziellen Berichts ab dem Geschäftsjahr 2023 weisen 100% der SMI Expanded-Unternehmen ökologische Zielgrössen aus. Bei den sozialen Faktoren werden die Prognosen noch nicht von allen Unternehmen publiziert. Überdies sind sie mit 94% Anteil gegenüber dem Vorjahr (96%) leicht rückläufig. Die hohen Werte widerspiegeln die verbindliche rechtliche Vorschrift zu den nichtfinanziellen Zielgrössen, die in dieser Form für die finanziellen Ziele nicht existieren. Interessant ist, in welcher Tiefe die Firmen die nichtfinanziellen Ziele ausweisen. Die Analyse zeigt, dass bereits 71% der grössten Firmen quantitative Scope 3-Ziele veröffentlichen, oft ergänzt durch Zwischenziele.
Gewinnprognosen sind ein wirkungsvolles Instrument, das die Bewertung von Aktien erheblich beeinflussen kann. Durch das Verständnis ihrer Funktionsweise und ihrer Auswirkungen auf die Marktentwicklung können Anleger fundiertere Entscheidungen treffen. Anlässlich der zehnten Durchführung der IRF Guidance Studie warf IRF einen Blick zurück auf die erste Studie aus dem Jahr 2014. Bereits damals hat eine Mehrheit der Firmen eine finanzielle Guidance veröffentlicht. Allerdings waren es erst 62% (heute 96%). Die Umsatzprognose wurde lediglich von 56% der Firmen gemacht (heute 77%). Die operative Guidance verzeichnete jedoch bereits den Anteil von heute (78%). Zudem dominierte die Kurzfristprognose mit 92% wie heute. Dafür hatten die Mittelfrist- und Langfristausblicke lediglich Anteile von 32% und 8%. Heute sind die Werte bei 63% und 21% deutlich höher. Schliesslich haben 2014 59% der Firmen freiwillig ökologische Zielwerte publiziert, während dies heute 100% der Firmen darlegen müssen.
Es zeigt sich, dass die damalige Best Practice-Guidance in ihren Grundzügen der heutigen Guidance weitgehend entspricht. Wesentliche Elemente haben sich dauerhaft durchgesetzt, während andere Aspekte im Laufe der zehn Jahre hinzugekommen oder an Bedeutung gewonnen haben wie beispielsweise die Umsatzguidance. In der Tendenz wurde der Ausblick über die Jahre nachweislich langfristiger, detaillierter und breiter.
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IRF führte zum zehnten Mal eine Studie zur finanziellen Guidance von Schweizer Unternehmen im Rahmen der Publikation der Jahresresultate durch. Die Datenerhebung erfolgte mittels Inhaltsanalyse jener Abschnitte des Geschäftsberichts und der Präsentation zur Publikation der Jahresergebnisse 2024, in denen die Strategie oder der Ausblick diskutiert werden. Darüber hinaus dienten die Medienmitteilungen zum Jahresresultat als Datengrundlage. Untersuchungsgegenstand waren jene 48 Unternehmen aus dem SMI Expanded, die zum Durchführungszeitpunkt der Studie ihre Jahresergebnisse 2024 publiziert hatten. Der SMI Expanded bildet die 50 höchstkapitalisierten Titel des Schweizer Aktienmarktes ab.
IRF ist ein führendes Schweizer Beratungsunternehmen für Wirtschaftsthemen. IRF zählt rund 40 Schweizer und internationale Unternehmen zu ihren festen Kunden. Zudem hat sich IRF in der Krisenkommunikation und bei der Begleitung von Kapitalmarkttransaktionen einen Namen gemacht.
Oliver Seifried, Partner, seifried@irf-reputation.ch, Tel. +41 43 244 81 47
Yasemin Diethelm, Senior Consultant, diethelm-ersan@irf-reputation.ch, Tel. +41 43 244 81 58
Die vollständige Publikation steht hier zum Download zur Verfügung.