Studie zur ESG-Berichterstattung Schweiz 2020
Als Gradmesser der Wirtschaft und Vorbild für viele kleinere und mittelgrosse Unternehmen bilden die grössten börsenkotierten Schweizer Firmen eine wichtige Referenz. Seit dem Beginn des neuen Jahrtausends und insbesondere seit dem internationalen Übereinkommen von Paris zum Schutz des Klimas 2015, haben Schweizer Grossfirmen ihre Nachhaltigkeitsinitiativen verstärkt. Das wachsende Engagement, insbesondere der grossen börsenkotierten Firmen, wird jedoch im öffentlichen Diskurs immer wieder angezweifelt. Diese Studie der SMI Expanded Unternehmen geht der Frage nach, wie die Nachhaltigkeitsberichterstattung in den grössten Schweizer Unternehmen bereits verankert und ausgestaltet ist. Sie gibt erste Hinweise darauf, ob und wie das Thema in Zusammenhang mit der gegenwärtigen Covid-19-Krise an Bedeutung gewinnen oder verlieren wird.
Die Befürworter der Konzernverantwortungsinitiative berufen sich ebenso darauf, dass freiwillige Nachhaltigkeitsstandards nicht genügend greifen, wie die Klimaaktivisten. Zuletzt wurde auch Kritik an Rating-Praktiken laut, und der Vorwurf des Schönfärbens weitete sich auf die Nachhaltigkeits-Ratings aus. Gegen diese Kritik spricht der seit einigen Jahren beobachtbare Trend bei Investoren, den sogenannten ESG-Kriterien (Environmental, Social and Corporate Governance) in ihren Anlageentscheiden signifikant mehr Gewicht beizumessen und sie mit harten Kriterien zu verknüpfen. Prominente Beispiele sind der norwegische Staatsfonds Norges Bank Investment Management oder der US-amerikanische Vermögensverwalter Blackrock. In der Schweiz gründeten die nationalen institutionellen Investoren 2015 den Verein für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK). Seither wurden einige richtungsweisende Entscheide gefällt und umgesetzt. Das wird die Tendenzen hin zu engeren Richtlinien verstärken. Auch der Gesetzgeber macht Druck. 2020 werden überarbeitete EU-Richtlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung erwartet und auch in der Schweiz bekommen Klimaziele und soziale Themen im neuen Parlament Aufwind.
Auswirkungen der Pandemie erst in Umrissen erkennbar
Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Entwicklung im Bereich ESG sind erst in Umrissen erkennbar. Es mehren sich die Stimmen gewichtiger Finanzmarktexperten, wonach die ESG-Themen mit der Covid-19-Krise an Bedeutung gewinnen werden, insbesondere das „S“, sprich die gesellschaftlichen Dimensionen. Hier zeigen sich in dieser Krise grosse Unterschiede der Firmen im Umgang mit ihren Mitarbeitenden und Kunden. Wer nicht in der Lage war, rasche Massnahmen zum Schutz der Menschen im direkten Einflussbereich zu treffen, stand schnell 2 | 6 am Pranger. In der zweiten Phase geht es in der öffentlichen Diskussion nun darum, wie sich Firmen im Bereich der Gehälter und Dividenden-Ausschüttungen verhalten, besonders wenn sie Staatshilfen in Anspruch nehmen müssen. Viele Akteure bezweifeln aber, dass sich die Unternehmen nun verstärkt ESG-Themen zuwenden werden. Sie stellen in der Krise eine Rückkehr zur alten Ordnung in Aussicht, in welcher die Firmenlenker ihre Entscheide wieder stärker an den Finanzkennzahlen und dem Gewinn (oder zu mindernden Verlust) für die Aktionäre ausrichten werden; vor allem, wenn es ums reine Überleben geht. Das Engagement im Bereich ESG und der entsprechenden Berichterstattung würde durch die Krise demnach an Bedeutung verlieren. Worauf sich ausrichten? Fällt ESG bei grossen Unternehmen tatsächlich aus dem Fokus oder rückt es vielmehr stärker ins Zentrum? Diese Studie hat zum Ziel, die gegenwärtige Situation in der ESG-Berichterstattung bei den grössten Schweizer Firmen zu beschreiben, um erste Antworten auf diese Fragen zu liefern.
Global Reporting Initiative als übergreifender Standard
Um mit einer klaren Aussage zu den Veränderungen der Nachhaltigkeitsberichterstattungen der grössten Schweizer Firmen über die letzten Jahre zur Diskussion beitragen zu können, untersucht diese Studie die Berichterstattung der Firmen nach den Global Reporting Standards (GRI). Seit Juli 2018 sind die neuesten GRI-Richtlinien in Kraft, der Zeitpunkt ist also bestens geeignet, um Zwischenbilanz zu ziehen. Die GRI-Standards sind in der Schweiz und weltweit die am breitesten abgestützten und meistverwendeten Nachhaltigkeitsstandards. Rund 3’000 Firmen weltweit haben sie bereits adaptiert. Insgesamt listet das GRI-Register 78 Firmen, die in der Schweiz ansässig sind und bereits mindestens einen Jahresbericht nach den neuesten GRI-Standards eingereicht haben. Viele Firmen integrieren in ihrem GRI-Bericht zusätzlich Informationen dazu, wie sie die Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) der UNO innerhalb der Handlungsrichtlinien des globalen Pakts der Vereinten Nationen umsetzen.
Für die Studie wurde geprüft, wie sich die Nachhaltigkeitsberichterstattung der Jahre 2018/2019 ausgestaltet. Analysiert wurden die jeweils aktuellsten Berichte der 47 grössten kotierten Schweizer Firmen per Ende März 2020 (auf Basis des SMI Expanded Index der SIX). Die meisten dieser Firmen berichten nach GRI. Eine Firma aus dem Immobilienbereich berichtet nach dem Standard von EPRA, dem Verband der europäischen börsennotierten Immobilienunternehmen. Die EPRA-Standards werden von der Schweizer Börse SIX ebenfalls als Nachhaltigkeitsbericht-Standard anerkannt, dieser Bericht wird jedoch hier in den weiteren Ausführungen ausgenommen. Weiter berichten einige Unternehmen nach anderen, weniger verbreiteten und von der SIX offiziell nicht anerkannten Standards. Diese wurden nicht weiter untersucht.
Die vollständige Studie kann nachfolgend als PDF heruntergeladen werden.