Studie zur ESG-Berichterstattung Schweiz 2021 Nachhaltigkeitsberichterstattung der grössten kotierten Schweizer Firmen nach internationalen Standards

Das Wichtigste in Kürze

ESG, GRI, UNGC, SASB, TCFD, CDP, SBTi: Die Bedeutung all dieser Kürzel und die technischen Anforderungen der dazugehörigen Standards überfordern zunächst viele Einsteiger auf ihrem Weg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Diese Studie schafft eine Übersicht über die wichtigsten internationalen Standards zur ESG- oder Nachhaltigkeitsberichterstattung und zeigt anhand der Beispiele des SMI Expanded Index die Verbreitung der Standards unter den grössten kotierten Gesellschaften der Schweiz in der Schweiz auf. Die Grossunternehmen gelten als Vorreiter in Sachen ESG-Berichterstattung, und sie sind es auch, die mit immer mehr Nachdruck eine Berichterstattung von ihren Kunden und Zulieferern einfordern. 45 der 50 untersuchten Firmen wenden in ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung mindestens einen internationalen Standard an. Gut etabliert sind die Global Reporting Initiative (GRI) der UN Global Compact und das Climate Disclosure Project (CDP). Aber auch die Nachhaltigkeitsziele (SDG) der UNO finden breit Einsatz, und die Standards des noch jungen Sustainability Accounting Standards Board (SASB) verbreiten sich rasch. Diese Studie soll Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern in Bezug auf ESG eine Informationsquelle und Richtlinie sein. Mit der Datensammlung zur Wahl der Standards der SMI Expanded Unternehmen soll eine Faktengrundlage für Small- und Mid-Caps geschaffen werden, um sie dazu zu motivieren, ebenfalls den Weg einer standardisierten ESG-Berichterstattung einzuschlagen. Die Studie bietet zusätzlich einen Blick in den politischen Kontext der gesetzlichen Vorschriften zur ESG-Berichterstattung, die sich derzeit auch in der Schweiz konkretisieren.

ESG-Berichterstattung gewinnt weiter an Bedeutung

Erst fünfzehn Jahre ist es her, dass Kofi Annan, der damalige Generalsekretär der UNO, die Verwaltungsratspräsidenten 50 globaler Konzernen bat, sich für Nachhaltigkeit einzusetzen. Das schreibt die renommierte Wirtschaftsjournalistin Gillian Tett Anfang 2021 in der Financial Times, und weist auf die grosse Entwicklung hin, die seither in dem Bereich stattgefunden hat (Tett, 2021).

Obwohl oft von fehlenden Standards die Rede ist, so ist es doch so, dass sich in den letzten zwanzig Jahren eine Reihe von internationalen Standards zur Berichterstattung von nichtfinanziellen Themen bewährt und durchgesetzt haben. Im Austausch zwischen Privatwirtschaft, Branchenorganisationen und der UNO entwickelten sich zwei zentrale Konzepte. Einerseits die "Wesentlichkeit, in Anlehnung an das englische Wort „materiality“ auch Materialität genannt. Es ist die Idee, dass Themen wie Ökologie, soziale Gerechtigkeit und Good Governance wesentliche Auswirkungen auf Unternehmen haben und umgekehrt. Aus dem ersten Konzept der Wesentlichkeit entwickelte sich das zweite Konzept für die Messbarkeit dieser wesentlichen Einflüsse, nämlich ein Set von ESG-Kennzahlen (Tett, 2021).

Die Datenbanken der Standards dienen als Verzeichnisse, in denen Firmen ihre Berichte zugänglich machen und sich öffentlich zu konkreten Zielen bekennen. Zum Reporting gehören belegbare und transparente Aussagen dazu, wo die Firma sich auf dem Weg zu diesen Zielen befindet. Die Berichterstattung nach Standards dient somit vielen Anspruchsgruppen. Denn nicht nur ESG-Rating-Agenturen, Investorinnen und Investoren, sondern auch Stakeholder wie Partner entlang der Lieferkette, Kundinnen und Kunden und in immer grösseren Mass auch Mitarbeitende interessieren sich dafür.

Zu den Klassenbesten in der Berichterstattung im untersuchten Index gehören Clariant, Givaudan, LafargeHolcim, Nestle, Novartis, SGS und Sig Combibloc. Sie alle wenden neben GRI mehrere weitere Standards an. Insbesondere haben sie sich mit der Science Based Target Initiative (SBTi) klare und öffentliche Ziele Transformation gesetzt, wie sie die zu Netto-Null-Emissionen schaffen wollen. SBTi gilt als weitreichendstes Bekenntnis für den Kampf gegen den Klimawandel.

Die Krise verstärkt den Trend

Die Pläne der Regierungen und das Engagement der Wirtschaft in Sachen Nachhaltigkeit gehen Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten immer noch zu wenig weit. Sie weisen darauf hin, dass trotz aller Bemühungen die ausgestossenen Klimagase, Menschenrechtsverletzungen und Armut weltweit in diesem Krisenjahr anstiegen. Dennoch kann man mittlerweile mit Sicherheit sagen, dass das Thema «nachhaltige Wirtschaft» auf den globalen politischen Agenden bis weit in die konservativen Lager hinein fest verankert ist. Durch die Pandemie haben insbesondere die sozialen Aspekte der Unternehmensführung aber auch der Wirtschaftshilfen an Gewicht gewonnen. Heute steht fest, dass die grossen Stimulus-Programme der EU und der USA zumindest teilweise an das Gebot der nachhaltigen Entwicklung geknüpft werden. Auch Chinas neuer Fünfjahresplan setzt hier einen wichtigen Schwerpunkt. Die globale Finanzwelt hat sich im vergangenen Jahr ebenfalls in immer stärkerem Mass nach ESG-Kriterien ausgerichtet, so dass einzelne Experten sogar eine Blasenbildung diagnostizieren (siehe beispielsweise Naumann, 2021).

Auch Macht und Einfluss der ESG-Ratingagenturen wie MSCI, Sustainalytics, S&P (RobecoSam) oder ISS wachsen stetig, da immer mehr Finanzdienstleister ihre Produkte nach ESG-Ratings ausrichten. Firmen können sich in den Ratings präziser positionieren und gegen ungerechtfertigte Einstufungen besser wehren, in dem sie klar verständliche Berichte nach Standards publizieren. Dabei ist es wichtig, dass die Berichte auch auf den jeweiligen Online-Plattformen erfasst werden.

Berichterstattung wird gesetzlich vorgeschrieben

Die EU hat sich mit dem European Green Deal das Ziel gesetzt, bis 2050 die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren. Wichtige Teile dieses Masterplans sind die in Entstehung begriffene EU-Taxonomie und die Non-Financial Reporting Directive (NFRD), das Regelwerk zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Seit dem 10. März ist auch die Offenlegungsverordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) der EU für Finanzdienstleister in Kraft getreten. Auch in der EU domizilierte, von der Schweiz aus gemanagte Finanzprodukte sind davon betroffen. Zunächst müssen Finanzdienstleister aufzeigen, wie sie Nachhaltigkeitsrisiken auf Unternehmensebene sowie im Anlageprozess integrieren und welche Auswirkungen diese Risiken auf die Rendite der einzelnen Produkte haben können. Ab 2023 tritt dann das erweiterte Regelwerk in Kraft, das eine Berichterstattung nach Kennzahlen, sogenannten Principal Adverse Impacts on Sustainability (PAI) vorschreibt.

Das neue CO2-Gesetz, über das die Schweiz diesen Juni abstimmt, hat das Ziel, die TreibhausgasEmissionen der Schweiz bis 2030 gegenüber 1990 zu halbieren. Es enthält aber keine direkten 4 | 11 Vorschriften für Firmen zur Berichterstattung oder Reduktion von CO2-Ausstössen, sondern arbeitet mit Lenkungsabgaben auf Heizöl und Gas und neuen Richtwerten für Gebäude und Neuwagen sowie einer Flugticketabgabe. Wichtiger ist der Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative, der sich an der Richtlinie über die nicht-finanzielle Berichterstattung der EU anlehnt. Die Vernehmlassung dazu dauert bis Mitte Juli 2021. Börsenkotierte und weitere grössere Unternehmen sollen gesetzlich verpflichtet werden, jährlich einen Bericht zu nichtfinanziellen Belangen zu veröffentlichen. Darin sollen Informationen enthalten sein, die zum besseren Verständnis des Geschäftsverlaufs, des Geschäftsergebnisses, der Lage des Unternehmens und der Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit auf verschiedene Anspruchsgruppen (Stakeholder) beisteuert. Zudem werden zukünftig Due-Diligence-Verfahren in Bezug auf Kinderarbeit und Konfliktmineralien vorgeschrieben.

Die gängigsten Standards und ihre Verbreitung im SMI Expanded

Untersucht wurden die bis zum Stichtag vom 30. April 2021 publizierten Nachhaltigkeitsberichte der SMI Expanded Unternehmen. Von den 50 untersuchten Firmen haben lediglich drei keinen eigentlichen Nachhaltigkeitsbericht publiziert. Die anderen 47 Firmen widmen dem Thema entweder ein umfangreiches Kapitel im jährlichen Geschäftsbericht oder publizieren einen oder sogar mehrere separate Nachhaltigkeitsberichte. Für sieben Firmen wurde der Bericht von 2019 berücksichtigt, da ihre Berichte für das Jahr 2020 bis Ende April noch nicht publiziert waren. Im Folgenden werden die gängigsten Standards und Initiativen vorgestellt, und ihre Verbreitung im SMI Expanded untersucht.

Zwei der Firmen haben zwar einen Nachhaltigkeitsbericht, richten sich aber nach keinem internationalen Standard aus. Credit Suisse und Novartis befinden sich am anderen Ende des Spektrums und wenden sämtliche sechs der untersuchten Standards vollständig an. Die meisten Firmen wenden entweder einen (5), zwei (5), drei (9) oder vier (8) der untersuchten Standards an. 14 der Firmen wenden fünf der sechs untersuchten Standards an. Das zeigt, dass die Nachhaltigkeitsberichterstattung vieler Firmen kontinuierlich wächst. Sind die Grundlagen und Strukturen einmal geschaffen, und die Daten vorhanden, so fällt es leicht, weitere Standards zu integrieren und somit weitere Kreise an Stakeholdern zu bedienen.

Die vollständige Studie steht nachfolgend als PDF Download bereit.

Studie zur ESG-Berichterstattung Schweiz 2021 Nachhaltigkeitsberichterstattung der grössten kotierten Schweizer Firmen nach internationalen Standards